Dienstag, 6. Februar 2018

Sind Kreuzfahrtschiffe Dreckschleudern?

Kreuzfahrtschiffe sind häufig in der Kritik einiger Umweltverbände, die dann dramatische Zahlen liefern. Ob das so stimmt und was wir aktuell tun, um umweltfreundliche Schiffe zu bauen, darüber haben wir mit unserem Experten aus dem Bereich Forschung und Entwicklung, Gerhard Untiedt, gesprochen.

„Schiffe, insbesondere Passagierschiffe, sind durchaus umweltfreundliche Transportmittel, besonders wenn man die aufgewandte Energie pro Kopf und Kilometer mit anderen Verkehrsmitteln wie dem Auto vergleicht. Schiffe noch umweltfreundlicher zu machen ist eines der Ziele, die unsere Arbeit auf der MEYER WERFT prägen“, verdeutlicht Gerhard Untiedt. Klimaschutz ist hierbei auch gleichbedeutend mit geringeren Betriebskosten für den Kunden, denn Treibstoffkosten machen einen großen Teil der Betriebskosten von Passagierschiffen aus.

Maritime Energiewende: Neue Kraftstoffe

Die meisten Schiffe wurden bisher mit Dieselmotoren ausgestattet. Diese verwenden als Kraftstoffe entweder Marine-Diesel (MDO) oder auf See Schweröl (HFO). In die Quantum-Klasse für Royal Carribbean International und die Breakaway-Plus-Klasse für Norwegian Cruise Line wurden etwa neuartige Abgasreinigungsanlagen, sogenannte Scrubber, eingebaut, um die Emissionen vor allem beim Einsatz von Schweröl zu verringern. „Scrubber sind als Übergangstechnologie eine ausreichende Lösung. Als innovatives Unternehmen ist uns das jedoch nicht genug. Unter anderem haben wir daher das Forschungsprojekt GasPax zur Entwicklung von neuen technischen Lösungen zum Einsatz des sauberen Brennstoffs LNG (verflüssigtes Erdgas) vorangetrieben“, stellt Gerhard Untiedt klar. Das Ziel der beteiligten Werften, Klassifikationsgesellschaften und Maschinenbauunternehmen war es, ein gasbetriebenes Passagierschiff zur Marktreife zu bringen. Das ist gelungen und im Sommer 2015 erhielten wir den AIDA-Auftrag zum Bau von zwei Schiffen mit LNG-Antrieb, nachdem wir auf Fähren und LNG-Tankern diesen Brennstoff bereits eingesetzt hatten. AIDA Cruises wird als weltweit erste Kreuzfahrtreederei ihre neue Schiffsgeneration mit Flüssigerdgas betreiben.


Dem LNG gehört die Zukunft und der Ausbau der Kreuzfahrtflotte mit LNG- oder Dual-Fuel-Antrieb (Motoren können mit LNG und HFO/MDO betrieben werden) schreitet deutlich voran. Doch von den rund 60.000 Schiffen weltweit sind nur rund 400 Kreuzfahrtschiffe. In der Handelsschifffahrt (Container, Frachter, Tanker und anderen) tut man sich noch schwer. Die These, die zehn größten Schiffe der Welt stießen mehr Schadstoffe aus als alle Autos weltweit, hält keinem Faktencheck stand. Richtig ist jedoch, dass Schiffe für einen größeren Teil von Schwefeloxid-Emissionen verantwortlich sind als Autos. Bis 2020 werden etwa 100 weitere Schiffe auf See mit LNG unterwegs sein. So zum Beispiel der neue Gastanker der NEPTUN WERFT Coral Energice. Derzeit sind bereits zahlreiche Fähren mit LNG als Brennstoff im Einsatz. Die Versorgung der Schiffe mit LNG ist jedoch nach wie vor eine Herausforderung. Die Infrastruktur wird derzeit in vielen Häfen erst aufgebaut. Die positive Auswirkung der Verringerung schädlicher Abgase ist offenkundig. Bei der Verbrennung von LNG wird zwar etwa gleich viel Kohlendioxid (CO²) ausgestoßen, jedoch entstehen keinerlei Rußpartikel (PM) oder Schwefeloxide (SOx) und weniger Stickoxide (NOx).


Was passiert in der Zukunft?

LNG ist ein fossiler Brennstoff. Er besteht im Wesentlichen aus Methan, das sich auch regenerativ herstellen lässt. Gasantriebe werden in Zukunft mit regenerativ erzeugtem Methan aus dem „Power to Gas“-Verfahren betrieben. Bei regenerativer und klimaneutraler Herstellung rücken auch flüssige alternative Brennstoffe in den Fokus. Dazu gehören unter anderem Alkohole wie Methanol. Sie bieten außerdem den Vorteil, dass sie einfacher zu beherrschen und zu lagern sind. Methanol wird auch als Kraftstoff für Brennstoffzellen verwendet. „Im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte, zum Beispiel e4-Ships, haben wir zusammen mit anderen Werften und Partnern Konzepte für Brennstoffzellen entwickelt“, so Gerhard Untiedt. Experten glauben, dass neue Systeme zur Energiegewinnung mittels Brennstoffzellen innerhalb des nächsten Jahrzehnts ebenso eine große Bedeutung erhalten. Hier sind zuerst Hybridlösungen mit zusätzlichen LNG-Motoren denkbar. Denn mittel- und langfristig wird es darum gehen, den Verbrennungsmotor zu ersetzen. Gerhard Untiedt meint: „In einer sicher längeren Übergangsphase könnten synthetische Brennstoffe die fossilen Brennstoffe in Verbrennungsmotoren ersetzen. Welche Brennstoffe sich schließlich durchsetzen werden, wird sich mittelfristig zeigen.“

Fazit: Wir sind auf einem guten Weg und haben schon sehr viel erreicht, Kreuzfahrtschiffe umweltfreundlicher zu betreiben. Auch wenn die Behauptungen, ein Kreuzfahrtschiff würde so viele Emissionen wie rund fünf Millionen Pkw ausstoßen oder die zehn größten Schiffe mehr Emissionen als alle Autos weltweit verursachen, einem seriösen Faktencheck nicht standhalten, war und ist es richtig, die Energiewende in der Schifffahrt konsequent umzusetzen. Wie beim Auto, beim Flugzeug oder bei der Bahn kann man erkennen, dass regenerative Kraftstoffe sowie die Abkehr vom Verbrennungsmotor nicht von heute auf morgen realisiert werden können. Ideen und Kreativität sind gefragt, ebenso wie das Bewusstsein und der Wille, Dinge voranzutreiben und weiter zu verbessern! Zu merken ist, dass ein Umdenken in der maritimen Branche stattgefunden hat. Ein Beleg hierfür sind die zwölf LNG-Schiffe verschiedener Kreuzfahrtreedereien, die sich in den Auftragsbüchern der MEYER-Gruppe befinden und die an unseren Standorten Papenburg (MEYER WERFT), Turku (MEYER TURKU) und Rostock (NEPTUN WERFT) produziert werden. „Damit sind wir derzeit Marktführer“, resümiert Gerhard Untiedt.

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