Freitag, 22. Juni 2018

Wo die eigenen Stadtwerke an Bord sind - dem Abfall wird auf Kreuzfahrtschiffen vielfältig zu Leibe gerückt

Verbrennungsöfen, Nassmüllsilos, Ballenpressen oder Vakuumsysteme - die Abfallentsorgung auf hoher See ist hochmodern organisiert. Gemäß internationaler Vorschriften werden die Abfälle in einem integrierten Abfallentsorgungssystem auf dem Schiff stofflich getrennt und entsorgt. Nachhaltiger Umweltschutz und alternative Einsatzmöglichkeiten spielen zudem eine Rolle. Darum arbeitet auch ein Team bei der MEYER WERFT daran, wie der auf einem Schiff unvermeidlich entstehende Müll noch umweltfreundlicher als bislang entsorgt werden kann. 

Anna Benjamins setzt ich bei der MEYER WERFT im Bereich Forschung & Entwicklung
mit dem Thema Abfallentsorgung auseinander                               © Michael Bokelmann

Wo sich täglich mehrere tausend Passagiere tummeln, fällt zwangsläufig jede Menge Abfall an. Laut Statistik sind dies sogar bis zu 2,5 Kilogramm Speisereste, 1,2 Kilogramm Verpackungsabfall und etwa ein Kilo an Glas- und 0,5 Kilo an Dosenmüll - pro Tag und Kreuzfahrtgast. Enorme Zahlen, denen die schwimmenden Hotels mit kompletten Stadtwerken an Bord begegnen. Im Bauch der Schiffe arbeiten die Anlagen im Hintergrund rund um die Uhr. Denn: Müll einfach ins Meer kippen, das ist natürlich untersagt. Das internationale Marpol-Abkommen ist 1988 mit dem Erlass zur „Verhütung der Verschmutzung durch Schiffsmüll“ erweitert worden und wird seitdem permanent angepasst. Seit 2013 sind die Marpol-Vorschriften, die eine Entsorgung von Müll auf See verbieten, weltweit bindend. Die Ausnahme: biologische Abfälle wie Essensreste. „Sie können vorzerkleinert (Maschengröße 25 x 25 mm) oder zu einem Brei zermahlen auf See abgelassen werden, sofern sie kunststofffrei sind. Sie dienen somit im Prinzip an Ort und Stelle als Fischfutter“, erklärt Anna Benjamins, die sich bei der MEYER WERFT im Bereich Forschung und Entwicklung mit dem Thema Abfallentsorgung auseinandersetzt. Dabei müssen die Schiffe einen vorgeschriebenen Mindestabstand zum nächsten Festland einhalten und auf der geplanten Route bleiben. Verbotene Stoffe wie Plastik und Metalle werden zuvor - auch mit Hilfe technischer Hilfsmittel - penibel aussortiert.

„Der Weg ist das Ziel“


Die strengen gesetzlichen Richtlinien zur Abfallentsorgung werden an vielen Stellen von unseren Kreuzfahrtschiffen noch übertroffen. Das Ziel ist klar: Den Lebensraum Ozean und die Küstengebiete gesund und sauber halten. Nicht umsonst bekommt bei einer Kreuzfahrt das bekannte Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ ein ganz besonderes Gewicht. Über die Abfalltrennung und -entsorgung müssen die Schiffe übrigens ausführlich Buch führen.

Ausgefeiltes System


Hinter der Abfallbehandlung an Bord steht ein ausgefeiltes System. Die hochmodernen Anlagenteile der Müllverarbeitung, wie z.B. Shredder, Silos, die Rauchgasreinigung, Aschecontainer oder Müllpressen, müssen auf engstem Raum untergebracht werden, aber dennoch optimal funktionieren können. Eine echte Herausforderung beim Bau der Giganten, wo jedes Detail zählt. Je nach Schiff fließen bis zu zwei Prozent der Baukosten eines Schiffes in die Anlagen zur Abfallentsorgung.

© Ingrid Fiebak-Kremer

Die beste Abfallentsorgung


„An erster Stelle bei der Abfallentsorgung steht immer die Vermeidung – denn die beste Abfallentsorgung ist die, die nicht benötigt wird“, stellt Anna Benjamins fest und führt weiter aus: „Die Kreuzfahrtreedereien prüfen dafür ständig, wo Abfall vermieden werden kann, wie z.B. beim Einsatz von Glaskaraffen statt Wegwerf-Plastikflaschen.“ Für die unvermeidbaren Abfälle wird dann zunächst die Möglichkeit des Recyclings geprüft. Wiederverwertbare Abfälle wie Glas, weiche Kunststoffe, Blechdosen oder Papier werden an Bord zu Ballen gepresst und anschließend als Wertstoff an Land abgegeben. Die nicht wiederverwertbaren Abfälle werden direkt an Bord zerkleinert und thermisch in den modernen Verbrennungsanlagen entsorgt. Die Verbrennungsöfen an Bord bringen es auf bis zu 4.000 Kilowatt Ofenleistung. Verbrennungstemperaturen bis 1.100 °C sorgen für eine saubere Verbrennung. Von 15.000 Kilogramm Abfall bleiben nach dem Verbrennungsprozess gut 1.000 Kilogramm Asche über. Diese Asche wird in speziellen Behältnissen gesammelt und an Land fachgerecht entsorgt - oder sogar ebenfalls recycelt und beispielsweise im Straßenbau eingesetzt. 

Energie aus Abfall


© Michael Bokelmann

Um die im Abfall enthaltene Energie noch besser nutzen zu können, arbeitet die MEYER WERFT unter anderem im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes an der Entwicklung alternativer Abfallbehandlungs-möglichkeiten. „In dem neuen System sollen die Abfälle an Bord so aufbereitet werden, dass sie gut gelagert und transportiert werden können. Die eigentliche energetische Nutzung wird dann allerdings erst an Land stattfinden“, erklärt Anna Benjamins. Die Herausforderungen bleiben jedoch die Gleichen wie für das aktuelle System: begrenzte Platzverhältnisse an Bord, große Abfallmengen und strenge Richtlinien, die wir auch weiterhin übertreffen möchten.

Freitag, 8. Juni 2018

Kleines Schiff ganz groß - Dampfer „Prinz Heinrich“ kommt nach 109 Jahren zurück nach Papenburg

Als Post- und Passagierschiff ist der kleine Dampfer „Prinz Heinrich“ 1909 im Auftrag der Borkumer Kleinbahn- und Dampfschifffahrts AG auf der MEYER WERFT erbaut worden.  Nach einer aufwändigen Restaurierung wurde im Juni 2018 die Rückversetzung in den Originalzustand gefeiert. Mit geschrubbtem Deck und glänzenden Maschinen wurde sie am Tag der Wiedergeburt als ältestes Seebäderschiff Deutschlands zur maritimen Botschafterin. 

Die "Prinz Heinrich" im Jahr 1909.

In der Mitte der 6,50 Meter hohe, prägnante gelbe Schornstein mit den Farben Ostfrieslands Schwarz-Rot-Blau am Abschluss, vorn und hinten Segel, oben an Deck Holzbänke und ein schmuckes hölzernes Brückenhaus: Der historische Dampfer „Prinz Heinrich“ kann sich sehen lassen. Das 37 Meter lange Schiff entführt in eine andere Zeit und wurde schon als „schönstes Schiff des Nordens“ betitelt. Der pittoreske Dampfer wirkt im Vergleich zu den heutigen, imposanten Ozeanriesen, die heute bei der MEYER WERFT entstehen, wie eine Miniaturausgabe. Tatsächlich steht die „DS Heinrich“ mit der Baunummer 240 auch für eine andere Zeitrechnung auf der Werft - und gilt heute als einzigartiges Zeugnis und letzter Zeitzeuge der Epoche des Kaiserreichs.

Das sieben Meter breite Schiff wurde 1909 auf der Papenburger MEYER WERFT gebaut und verkehrte als Seebäderschiff zwischen Emden und der Insel Borkum. Beide Weltkriege überstand der Dampfer ohne Schaden. Im Laufe der Zeit wurde er in „MS Hessen“ umgetauft, zum Motorschiff umgebaut und 1970 außer Dienst gestellt. Als Museumsschiff „Mississippi“ lag das historische Schiff anschließend am Trave-Ufer in Lübeck. Nach dem Verkauf der Ausstellung nach Warnemünde, schien das Schicksal besiegelt. Im Rostocker Hafen verfiel das einstige Schmuckstück immer mehr. Bis der Zufall half: 2003 entdeckte der Leeraner Zahnarzt und Schiffsliebhaber Dr. Wolfgang Hofer den Dampfer und der Plan reifte, die „Heinrich“ zurück in die Heimat zu holen - und in den Originalzustand zu versetzen.

Aufwändige Restaurierung


Das Aufsetzen des Schornsteins.
Hofer setzte alle Hebel in Bewegung und gründete den Verein „Traditionsschiff Prinz Heinrich“. „Tradition zu wahren und zu pflegen, ist nicht das Anbeten der Asche, es ist die Weitergabe des Feuers“, umschreibt der Verein, der weit über 400 Mitglieder deutschlandweit aufweist und zahlreiche Sponsoren in der Region gewinnen konnte, das Mammutprojekt. Und tatsächlich: Dem Verein ist die aufwändige und erfolgreiche Restaurierung in den Originalzustand gelungen. Immer wieder musste der Zeitrahmen verschoben werden, der Glaube an eine Auferstehung des inzwischen seit 2013 als „Nationales Kulturdenkmal“ eingestuften Schiffes aber blieb. Auch die MEYER WERFT brachte sich tatkräftig mit ein. Auszubildende bauten in der Lehrwerkstatt den markanten Schornstein. Glücklicherweise lagen die Originalpläne von 1909 auf der Werft noch vor und so konnte der Schornstein inklusive seines leuchtend gelben Farbanstrichs exakt nachgebaut werden. Die Oregon Pine-Planken und Mahagoni-Verkleidungen im wiederhergestellten Speisesalon der I. Klasse auf dem Oberdeck sind ebenfalls nach den Originalplänen der MEYER WERFT entstanden.

Ohne Wunder geht es nicht


Ohne „Hinni“ und „Johnny“ wäre die gesamte Restaurierung nicht geglückt. Die Zweifach-Expansionsdampfmaschinen aus dem Jahr 1922, benannt nach dem Seemaschinisten Hinrich Christians und dem Ingenieur Johann Alberts, waren eine der größten Herausforderungen und ihr Fund ein echter Glücksgriff. Schlichtweg als „Wunder“ bezeichnet Wolfgang Hofer das Aufspüren der Zwilingsmaschinen. Dank Internet wurden die heruntergekommenen „Compound Marine Steam Engines“ bei einem Maschinenhändler im südenglischen Canterbury gefunden. Ohne sie hätte aus der „Prinz Heinrich“ nicht wieder ein Dampfschiff werden können. Regelmäßig informierte der Verein mit kurzen Bordtelegrammen von den Fortschritten der Restaurierung. Ein Meilenstein markiert das Telegramm 42: “Mit großer Freude gebe ich bekannt, dass unsere Prinz Heinrich am 22. August 2017 um 13:20 Uhr zum ersten Mal wieder allein und mit eigener Kraft unter Dampf gefahren ist.“ Und es sollten noch einige Monate vergehen, bis die erste größere Testfahrt anstand. Im Januar 2018 schipperte der Dampfer nach Emden und im Mai ging es dann für die „Prinz Heinrich“ auf erste große Fahrt zum Bremerhavener Seehafenfest.

Das originalgetreu restaurierte Dampfschiff  "Prinz Heinrich" geht nun wieder auf große Fahrt.


Schwimmende Botschafterin


Zurück zu den Wurzeln hieß es zum Jubiläum: Am 9. Juni 2018 wurde das runderneuerte Denkmal der Schifffahrtsgeschichte in Papenburg mit einem Festakt geehrt und von Werftgeschäftsführer Tim Meyer sowie dem Papenburger Bürgermeister Peter Bechtluft begrüßt. Die „Prinz Heinrich“ soll als ältestes Seebäderschiff und ältester Doppelschrauben-Post- und Passagierdampfer Deutschlands nun als schwimmende Botschafterin der Region zwischen Ems und Dollart fungieren. Regelmäßig läuft sie dann auch ihren „Geburtsort“ Papenburg an. Und auch für besondere Gelegenheiten sollen die traditionellen Fahrten zur Insel Borkum sowie weiteren ostfriesischen Inseln, ins niederländische Delfzijl oder nach Bremerhaven, Hamburg und Flensburg wieder aufgenommen werden.